Literatur

Personen und deren Gesamtwerk: Das ist es, was mich am meisten fasziniert.

Gelegentlich übe ich mich allerdings auch in der aktuellen Tageskritik.

Klaus Mackowiak

ogottogott

Jandls ottos mops von Norman Junge als Dramolett in 14 Bildern inszeniert

Otto kippt fast vom Stuhl! Denn - unfasslich: "ottos mops trotzt". In Norman Junges Bilderbuch zu Ernst Jandls berühmtem Gedicht knurrt der renitente Mops gar böse auf der Bühne, die das heimische Wohnzimmer bedeutet. Die Eintracht ist hin, das Drama nimmt seinen Lauf. Konsequent hält Junge die Darstellung dieses Wohnzimmers als Bühnenraum durch, und wir (d.h. Kinder jeglichen Alters) verfolgen gebannt das ewige Spiel von Herrschaft und Knechtschaft. Doch wer ist Herr? Wer ist Knecht? Da gibt’s keine Frage: Alle Macht dem Mops! Gesichert ist diese Macht durchs Ottos Liebe, und der trotzige Mops weiß darum. Dieses Wissen läßt ihn sein fieses und zerstörerisches Spiel mit dem allzu gutmütigen Otto spielen.

Und dieses Spiel aus Mopsens frecher Koketterie und Ottos stiller Sehnsucht setzt Junge mit sparsamsten Mitteln in Bilder um.

So reichen eine halb heruntergerissene Tischdecke, eine auf den Boden gestürzte Tasse, ein verstreuter Knochen hin, die Verstörung zu kennzeichnen, die der randalierende Mops - mittlerweile des Raumes verwiesen - in des Heimes Trautheit hinterlassen hat. "otto: soso".

Die atmosphärischen Schwankungen in diesem Beziehungsgespinst spiegeln sich auch in der Darstellung der Guckkastenbühne Wohnzimmer wieder: Da verzerren schiefe, den rechten Winkel verhöhnende Wände den Raum, dann wieder bekommt das Zimmer eine gefährlich starke Schlagseite verliehen, oder es zerfließt zu einem fast organisch erscheinenden Gebilde.

Doch der Mops bleibt nicht ganz der Souverän des Schauspiels. Norman Junge zeichnet den Mops, wie er sich in blinder Rage in Ottos Hut verbeißt - nicht ohne üble Auswirkungen: "ottos mops kotzt". (Endlich, werden sich viele Jandl-Freunde und Jandl-Deuter freuen, endlich weiß man dank Junge, wieso sich der Mops eigentlich so schamlos übergibt.) Übrigens das einzige Bild, das in Blau gehalten ist - ausgenommen ein giftig grüngelbes Kotzzentrum, während in den anderen Bildern ein rotbrauner Grundton gewählt ist. "otto: ogottogott"

Wie soll das alles enden? Man weiß es nicht. Genau dort, wo der Dichter den Humor hingestellt hatte, lässt auch der Zeichner ihn stehen: hart am Abgrund. Darum ist das Buch auch nur für Kinder geeignet, nach Angaben des Verlages für Kinder ab 5 Jahren.

Schon oft adaptiert und persifliert (etwa: annas katz, enzensbergers exeget u.v.m.) ist ottos mops nun also sichtbar - und auch so macht er einem wieder richtig Spaß.

Ernst Jandl & Norman Junge: ottos mops. Verlag Beltz & Gelberg. Weinheim 2001. 32 Seiten. 26,80 DM

[Aus: Aachener Nachrichten,  Mai 2001]