Prosaisches

Eine nette Geschichte erfreut und erhebt doch immer wieder.


Klaus Mackowiak

Auch dem geziemend gestählten Körper
dräut lauernd Ungemach

Kleine genet(h)ische Opulenzübung

Der markerschütternde Kampfschrei des Piranha zerreißt die schwüle Luft des Aztekenstadions. Jäh endet der 3000-m-Hindernislauf. Die tosenden Gischtwasser des Wassergrabens präsentieren sich den Kameras als blutiges Inferno aus Knochen-, Fleisch-, Hirn- und Sportkleidungsfetzen. Die Läufer: geschreddert von den rünstigen Reißzeugen der entfesselten Geschuppten. Die Zuschauermassen starr: ein einziger geschockter Leib stockenden Atems. Das gewohnheitssabbelnde Sportreportergeschmeis aus aller Welt stummt. Die Rädelsführerin der marodierenden Piranhabande hat das Gemetzel strategisch wie taktisch perfekt im Griff: Sie koordiniert lässig überlegen den Zerstücklungsrausch über ihr ergonomisch flossengerecht designtes Notebook. Welch Synthese aus Rausch und Ratio, aus Dionysischem und Apollinischem! Eine lasziv sich am Grabenrand räkelnde Piranha-Combo untermalt das Schlachtfest in lyrischen Zynismus mit dem Andantino aus Schuberts Quintett A-Dur op.114 und dem zu Grunde liegenden Lied "Die Forelle":

"In einem Bächlein helle,

da schoss in froher Eil’

die launische Forelle

vorüber wie ein Pfeil."

O weh! Und das alles in 1a-Qualität in meinem brandneuen 100-Hertz-Fernseher - und auf Millionen anderer TV-Mattscheiben, sei es auf den Haziendas am Rio de la Plata, sei es in den Pinienwäldern des Anti-Libanon oder sei es in den weiten Ebenen um Nischni-Nowgorod.

Mittlerweise hat auch der bzw. die Letzte der anderen Hochleistungssportler und -sportlerinnen aus aller Welt die ichtyogene Metzgerorgie im Wassergraben mitbekommen. Blanker könnte ein Entsetzen nicht blitzen.

Ein Schmetterlingsgeschwader schwenkt unter donnernden Feldwebelkommandos in die Zuschauerreihen. Mit blutunterlaufenen Augen stürzen diese Boten der Götter in Sturzkampffliegermanier unter Grauen erregendem Sirenen-Gejaule (dieser Sound ist in der Tat nicht ganz gelungen) auf die ungläubig blockierten Opfer und treiben ihnen ihre martialisch bewehrten Saugrüssel durch die Bauchdecken. Ein Ekel erregendes Schlürfgeräusch dreht dem Fernsehzuschauer den Magen um: Die Rüsselflieger saugen den schlicht Konsternierten die Eingeweide heraus. Trupps aus winzig kleinen, schäbig grinsenden Fledermäusen, alle ausgerüstet mit High-Tech-Mini-Düsen in den Flügelknochen, draculieren, was die Butterfly-Stukas übrig gelassen haben. Innerhalb von wenigen Sekunden, bevor auch nur ein einziger Mensch vermocht hätte, sich zu rühren, sind die Stuhlreihen mit halbleeren Menschenhülsen übersät. Auch die Bat-Batterie zeigt sich durchaus musikalisch: Von anmutiger Choreographie illustriert, geben die winzigen Blutsauger weltmännisch charmant Operette zum besten - in Ultraschall versteht sich. Das kann man naturgemäß nicht hören, aber Text (und Notation) werden sogleich und perfekt synchron als Untertitel auf dem Bildschirm eingeblendet:

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